Julius Deutschbauer „Plakate 93-00

Dauer der Ausstellung 8.2. bis 2.3.2000


Bemerkungen zu den Plakaten von Julius Deutschbauer (von Arno Rußegger)
Deutschbauer? Julius? Was, frage ich, was ist denn die Wahrheit? Oder voluptas, die Wollust? Warum umgeben Deutschbauer meist schöne Frauen, wie Aureolen einen Heiligen? (Siehe Plakat CURATED BY) Pilatus tat ganz recht, als er dies nur rhetorisch fragte und keinerlei Antwort erwartete. Mit der Allerschönsten hat Deutschbauer sich vermählt. Wir sehen und bezeugen: Alles Ordinäre und gemein Alltägliche ist aus dem Schmutz gehoben, wenn zwei Menschen sich gleichsam im Blütenschnee ihrer eben vollzogenen Schöpfung zeigen (siehe Plakat Wir haben geheiratet). Allerdings: Das Monströse der ersten Nacht. Je weniger man in der Liebe spricht, um so besser versteht man einander. Hier beginnt die Kunst. Doch die Treue ist aller Laster Anfang (siehe Plakat Heiraten statt wählen). Richtig lügen kann bloß ein tiefer, guter, vertrauensvoller Mensch. Wer sich in der Klemme nicht an zwei, drei Sachen erinnern kann, die nie passiert sind, der ist ein ebenso schlechter Mensch wie jener, der nicht zu vergessen vermag (siehe Plakat Die neue Sammlung (2)). Wer nicht versteht, ein Auge zuzudrücken, der kann auch nicht sehen. Deutschbauer sieht nicht mit aufgerissenen Augen (siehe Plakat Bibliothek ungelesener Bücher). Seine Moral, das ist die Kraft zur Form, sein Schamgefühl ist eine Frage der Beleuchtung. Er ist Mensch, weil ihm nicht Männliches besonders eignet (siehe Plakat Natürlich bin ich gegen den Rassismus). Er ist jünger als er denkt (siehe Plakat Wollen auch Sie mich abhören?), jener Typ, der seine Geliebten mit der Gattin betrügt. Was ehemals der Glaube an seinen Körper war, scheint sich als Aberglaube zu erkennen. Und wenn man das Bier bringt, muß jedes Glas zu seinen Händen gehen (siehe Plakat Mein Kampf gegen die Brauunion). Deutschbauer brauchte Jahrzehnte, um sich uns verdächtig zu machen, so geschäftig ist er in seinem Eigensinn, auf seinen Lügen zu bestehen. Im glücklichsten Fall bringt er Wahrheit mit Güte zur Deckung (siehe Plakat Deutschbauers Bibelstunde). Wo dies aber nicht gelingt, muß die Güte über die Wahrheit Herr werden. Das gesamte Werk Deutschbauers ist geprägt von diesem tragischen Konflikt: Er ist kein Denker, aber er tut so; er ist kein Künstler, aber er tut so; er ist kein Bibliothekar, aber er tut so (siehe Plakat Bibliothek ungelesener Bücher); er ist kein Atomkraft-Gegner (siehe Plakat Natürlich bin ich gegen die Atomenergie), aber er tut so; er ist kein Naturschützer (siehe Plakat Natürlich bin ich gegen das Ozonloch), aber er tut so; er ist Diskurskritiker, aber er tut so. Und gerade in all diesen Attitüden ist er am ehrlichsten. Was er ausschalten und beseitigen will, das steht ganz vorne und interessierend da. Nie ist die Kunst der Moral dienstbarer gemacht worden als durch Deutschbauer, den Ästheten.

DEUTSCHBAUER Julius •