prints for New York

Die Edition Stalzer, Werkstatt für Kunstsiebdruck wurde zu einer Ausstellung mit Vorträgen und Diskussionen an die renommierte Columbia University School of the Arts, Leroy Neiman Center for Print Studies, im Rahmen der Armory Show, die von 27.-30.Maerz in New York stattfindet, eingeladen.

Die Eröffnung findet am 26. März 2008 statt und die Ausstellung ist bis 16. April 2008 zu bewundern.



Leroy Neiman Center For Print Studies
310 Dodge Hall, MC 180
2960 Broadway
New York, NY 10027



Andreas Stalzer: Perfektion und Experiment


Andreas Stalzer, der ursprünglich Künstler werden wollte, aber viel zu genau und penibel arbeitet, um auf einem hektischen Markt zu reüssieren, druckt nicht, um Geld zu verdienen, sondern um gemeinsam mit KünstlerInnen gute Kunst zu machen. Sein Selbstporträt widerspiegelt diese Grundhaltung: Fotos, die zeigen, wie er die Rakel über das Sieb zieht, übertrug er auf sein Sieb, legte einen Raster aus senkrechten Linien darüber und druckte auf Glas. Der Betrachter meint, einen Film zu sehen. Aber nicht der Druck bewegt sich, sondern der Betrachter erzeugt durch seine Kopfdrehung den Eindruck bewegter Bilder. Stalzer stellt also schon in seinem Selbstporträt unsere Erfahrungen auf den Kopf. Wir haben dabei den Vorteil, das Tempo der Scheinbewegung Stalzers und der Rezeption selbst bestimmen zu können. Stalzers Selbstporträt ist ein offenes Kunstwerk, dialogischer Siebdruck.

„Gewöhnliche“ Siebdrucke interessieren Stalzer nur wenig. Und gewöhnlich ist für ihn eigentlich alles, was schon einmal da war, was in der kurzen, aber vitalen und breitenwirksamen Tradition des Siebdruckes bereits erfolgreich war. All diese Techniken und künstlerischen Ausdrucksweisen hat er während seiner Lehrjahre in Amsterdam und New York kennen gelernt. Und die wichtigste Lehre war ihm: nichts darf bleiben, wie es ist. Gute Druckgraphik und die besten Druckgraphiker zeichneten sich immer dadurch aus, Grenzen zu suchen und zu überschreiten. Wie Ludwig von Siegen mit seiner Mezzotinto der galanten Kunst auf die Sprünge half, Goya mit der Aquatinta Abgründe der menschlichen Seele sichtbar machte, Warhol mit seinen Siebdrucken die Grenze zwischen Kunst und Kommerz niederriss. In dieser Tradition steht Stalzer als forschender, experimentierender Drucker, als druckender Forscher im weiten Feld der Kunst. Er druckt mit allem, was sich durch Löcher pressen lässt, auf alles, was Material zu tragen imstande ist.

Zwei Stoßrichtungen hat Stalzers Experimentieren: die inhaltliche Ausweitung der Siebdruck-Botschaften, die vor allem von den KünstlerInnen kommt, mit denen er zusammenarbeitet, und die technische Novität, die seine eigene Domäne ist. Daraus entwickeln Künstler und Drucker die Synthese: Medium und Inhalt gemeinsam sind die Botschaft, wie Marshall McLuhan gezeigt hat.

Stalzer hat den richtigen Charakter für diesen experimentellen Weg: jene Sturheit, die man richtigerweise als Konsequenz und Zielstrebigkeit bezeichnen sollte. Schon als er mit seiner Werkstatt in Wien begann, brauchte er diese Eigenschaften dringend. Denn ein bekannter Galerist sagte ihm, vielleicht schon damals Konkurrenz befürchtend: „Herr Stalzer, Siebdruck braucht kaaner!“ Aber Stalzer, von seinem Können und von den Qualitäten des Siebdruckes vor allem für konstruktivistische, geometrische Arbeiten überzeugt, bot dem damaligen Präsidenten der Wiener Secession, dem bekannten Konstruktivisten Roland Goeschl an, für ihn eine Mappe zu drucken. Der Erfolg war durchschlagend, Stalzer und mit ihm der Siebdruck waren in Wien etabliert. Und bald frequentierten auch KünstlerInnen aus den USA wie Richard Nonas, Richard Tuttle, Lawrence Weiner sein Atelier. Präzision wurde Stalzers Markenzeichen. International bekannte österreichische KünstlerInnen wie Maria Lassnig, Bruno Gironcoli, Franz West, Peter Kogler, Gerwald Rockenschaub, Herbert Brandl, Valie Export, Hans Schabus, Heimo Zobernig, Michelangelo Pistoletto arbeiteten mit Stalzer zusammen. Diese Liste Prominenter, die durch eine noch viel längere Liste weniger prominenter KünstlerInnen ergänzt werden könnte, beweist den Stellenwert des Siebdruckes in der österreichischen und internationalen Kunstszene und die zentrale Rolle, die Andreas Stalzer als Masterprinter spielt.

Vom scharf Abgegrenzten wandte er sich den zarten fotografischen Übergängen zu. Gemeinsam mit dem Fotografen und Drucker Herbert Bednarik entwickelte er eine Technik, feinsten fotografischen Rasterpunkt auf die Siebe zu übertragen und zarte Verläufe zu drucken.

Auf jede neue Aufgabenstellung geht Stalzer mit der ihm eigenen künstlerischen und handwerklichen Intensität ein, konzentriert sich auf die Arbeit, geht ganz in ihr auf. Wie jeder Masterprinter trägt er das Seine zum Gelingen des Kunstwerkes bei, indem er dem Künstler die technischen Möglichkeiten zur Realisierung von dessen Vorstellungen eröffnet, mit ihm den Arbeitsprozess diskutiert, beim Werden assistiert, letztlich kooperativ das Werk realisiert. Sehr gerne arbeitet er mit jungen KünstlerInnen zusammen, denen der Siebdruck neue Perspektiven eröffnet und die im Gegenzug den Siebdruck mit neuen Ideen bereichern. Dabei spielt der persönliche Kontakt, die Freundschaft, die „gleiche Wellenlänge“ von Künstler und Drucker selbstverständlich eine wichtige Rolle. Bezeichnend dafür ist etwa, dass Stalzer einen russischen Künstler drei Wochen lang bei sich einquartierte, um dessen Mappe zu drucken.

Andreas Stalzers besonderes Interesse gilt der Farbe. Alle Farben und Materialqualitäten von der Ölfarbe über Pigmente bis zum Aquarell, sogar Blut, sind möglich. Da Farbwert und -konsistenz gleichermaßen den besonderen Reiz des Siebdruckes ausmachen, war die Arbeit mit dem „Farbphilosophen“ Ingo Nussbaumer für ihn besonders spannend. Gemeinsam suchten sie ein völlig neutrales Blau herzustellen, das am Farbkreis genau in der Mitte des Segmentes sitzt, das weder nach Grün noch nach Violett tendiert. Mit der durch Mischung gefundenen Farbe wurde ein Quadrat gedruckt, und darüber ein kleineres Quadrat mit einer ganz leicht abweichenden Farbe. Aus zwölf Blättern, je zwei mit Rot, Blau, Grün, Gelb, Schwarz, Weiß mit jeweils einer Farbvariante, entstand, eingebunden in ein großformatiges Buch, eine Farbenlehre, die nicht den Industrienormen verpflichtet ist, aber, in der Nachfolge von Newton und Goethe gleichermaßen, zwischen subjektivem Farbempfinden und objektiver Farbmessung vermittelt.

Mit Jan Merta suchte Stalzer eine ganze Woche lang nach der richtigen Farbe, mit Herbert Brandl hingegen druckte er eine Serie, in der die beiden die in der Werkstatt übrig gebliebenen Farbreste aufbrauchten. Horst Maria Doppler ließ sich im Atelier Stalzers von einem Arzt Blut abnehmen, mit dem Stalzer Dopplers Variante des Disneyschen Bambis in Großformat auf Leinwand druckte. Auch hier generieren Material und Medium in ihrem engen Zusammenwirken mit dem Inhalt die künstlerische Botschaft.

Für eine Aufführung von Heinz R. Ungers Theaterstück „Zwölfeläuten“ druckte Stalzer mit der Farbe, mit der Straßenarbeiter Zebrastreifen aufbringen, auf einen Asphaltweg einfache Symbole, die von Andrea Sodomka und Martin Breindl aus dem Text Ungers entwickelt worden waren. In der Schlussszene der Aufführung wurde ein mit Schwarzpulver im verzahnten Raster auf Büttenpapier gedrucktes Hitlerbild angezündet: Das Schwarzpulver brannte explosionsartig ab und verkohlte das Papier, sodass das Hitlerbild in zartem Braun wieder erschien. Eine wahrhaft symbolträchtige, mit den Mitteln der Druckgraphik erzielte Botschaft, die Ungers Aussage unterstrich: Als bräunlicher Brandschaden bleibt das Hitlerbild bestehen.

Stalzer reizen die „unmöglichen Drucke“ auf rostigen Eisenplatten (mit Herbert Bednarik), auf Glas (mit Herbert Starek), auf Spiegelfolie (mit Isabelle Mühlbacher), auf Holz und auf Hauswänden. Erweiterungen zum Objekt (mit Karin Sulimma) und zur Raum- und Lichtinstallation (mit Mounty P.R. Zentara und Eric Kressnig) markieren aktuelle Positionen. Auch auf Wasser druckte Andreas Stalzer: Mit Ölfarbe gedruckte Bilder von Irene Andessner, Herbert Brandl und Sylvia Kummer schwammen auf der Wasserfläche, nachdem das bedruckte Eis aufgetaut war und die farbtragende Gelatineschicht sich aufgelöst hatte. Bis jetzt nicht gelungen ist ihm, auf Luft zu drucken. Aber die Experimente gehen weiter!

Eine der jüngsten Arbeiten aus Stalzers Werkstatt ist Hermann Staudingers Interpretation des berühmten Pressefotos, das den deutschen Bundeskanzler Willy Brandt zeigt, wie er anlässlich seines Besuches in Warschau vor dem Denkmal für die Opfer des Warschauer Gettoaufstandes auf die Knie fiel. „Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt“, schrieb Willy Brandt in seinen Memoiren. An dem Bewusstsein der schuldhaften Verstrickung in die historischen Ereignisse leidet Hermann Staudinger, auch wenn er erst lange nach dem Holocaust geboren ist – das Schicksal und das Bewusstsein vieler ÖsterreicherInnen ist mit dieser Vergangenheit kontaminiert. Mit seiner Arbeit, einem nicht auf die Schau-, sondern auf die Rückseite eines Leintuchs mit stark verdünnter Farbe gedruckten Reproduktion des Pressefotos, zeigt Staudinger seine Anteilnahme, seine Betroffenheit. Die Unschärfe des Druckes entsteht durch das Verdünnungsmittel, das, wenn es getrocknet ist, wieder aufgebracht werden kann und ein weiteres Ausblühen der Farbe bewirkt: Ein fertiges, aber sich dennoch weiter entwickelndes Bild. Eine politische Demonstration, eine Demonstration der technischen Möglichkeiten des Siebdruckes, ein berührendes Bild, in dem der Betrachter, so wie bei dem eingangs besprochenen Selbstporträt Stalzers, seine bildbestimmende Rolle spielt.



Philipp Maurer, Prof. Dr.phil., Kulturwissenschaftler, Publizist, Herausgeber von „Um:Druck – Zeitschrift für Druckgraphik und visuelle Kultur“